Depressionen: Der Schlafkiller

Mehr als 300 Millionen Menschen weltweit leiden laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an einer Depression. Sie stellt damit eine der großen gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit dar. Aus diesem Grund steht der diesjährige Weltgesundheitstag, am 07. April 2017 im Zeichen dieser psychischen Erkrankung.

Auch die Schlafforschung beschäftigt sich mit dem Thema Depression. Denn Schlafstörungen und Depressionen sind eng miteinander verknüpft. Oft ist die Schlafstörung das erste aber auch anhaltende Zeichen depressiver Verstimmungen.
Lange Zeit wurde der Schlaf ja von der Wissenschaft vernachlässigt, galt er doch als physiologischer Ruhezustand, an dem es nichts zu erforschen gab. Der Durchbruch zur Schlafforschung gelang erst, als der REM-(Traum)-Schlaf entdeckt wurde. Interessanterweise blieb aber die Tageszeit im Gegensatz zur Nacht eher unbeachtet. Die Defizite des Schlafes standen also mehr im Mittelpunkt des Interesses als die physiologischen und sozialen Konsequenzen eines gestörten Schlafes, woraus sich Tagesschläfrigkeit, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, pathologische Angst, Grübeln, die Einengung der sozialen Lebenswelt und vor allem die Depressivität ergeben können.

Ja, Schlafstörungen gehören tatsächlich zu den nachgerade obligaten Symptomen bei fast jeder Depression. Sie können in Form von Einschlafstörungen oder wiederholten Wachphasen auftreten. Besonders charakteristisch ist jedoch das vorzeitige frühmorgendliche Erwachen, das typischerweise mit einem ausgeprägten Stimmungstief („Morgentief“) verbunden ist.
Diese Formen der Schlafstörung sind daher für das Erkennen der depressiven Krankheit zumindest gleich wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, als die depressive Verstimmung selbst.

Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass 90 Prozent der Patienten mit Depressionen eine Schlafstörung aufweisen. Dabei leiden die meisten an einem Zuwenig an Schlaf, also an einer Insomnie mit den Zeichen einer Einschlaf- und Durchschlafstörung, dem erwähnten vorzeitigen Erwachen und nachfolgender Tagesschläfrigkeit, wesentlich weniger dagegen an Symptomen einer – auch das gibt’s – Hypersomnie (zu viel an Schlaf).
Dieses Zuviel wird vor allem bei der sogenannten „saisonalen“ Depression beobachtet.
Dabei treten in den dunklen Jahreszeiten, also im Herbst und Winter, regelmäßig depressive Phasen auf, deren Symptomatik u. a. eine Besonderheit zeigt: Bei dieser Form der Depression hat man einen teilweise erheblich gesteigerten statt des sonst üblichen verminderten Appetits.

Der Kombination aus Depression und Schlafstörungen kann aber leider nicht so leicht beigekommen werden. Hier ein Beispiel: Forscher schließen nicht aus, dass die Insomnie ein Versuch des Körpers ist, der Depression entgegenzuwirken – denn verkürzter Schlaf wirkt sich (wenn er in den Abend- und nicht in den Morgenstunden stattfindet) positiv auf den Serotonin- und eventuell auch auf den Dopaminspiegel aus. Beide Nerven-Botenstoffe sind ja bei vielen Menschen, die unter Depressionen leiden, gestört. Außerdem wird unser Stress-System bei verkürztem Schlaf möglicherweise „heruntergefahren“ – und das beobachtet die Wissenschaft seit einiger Zeit im Rahmen von Studien.

Tritt der REM-Schlaf verfrüht auf, überwiegt das cholinerge System, das vor allem in den Morgenstunden aktiviert wird. Dadurch wird weniger Noradrenalin freigesetzt, was wiederum depressionsfördernd wirkt.

Verringert man nun experimentell den REM-Schlaf mit einem teilweisen Schlafentzug, indem man die Betroffenen beispielsweise nach der ersten Nachthälfte aufweckt, vermindern sich auch die Symptome der Depression – und die Stimmung kann besser werden. Ziel dieser Untersuchungen ist es also, nicht in den Morgenstunden, sondern abends zu schlafen, weil dann das aminergene System (Noradrenalin, Serotonin) überwiegt.

Schlafentzug ist in der Depressionstherapie schon seit längerem bekannt. In 30 bis 60 Prozent der Fälle kann sich die Stimmung tatsächlich bessern, wenn man Menschen mit Depressionen morgens eher aufweckt.

Aber wie so oft ist alle Theorie grau: Leider hält diese positive Wirkung nicht sehr lange an. Nach dem nächsten „normalen“ Schlaf wachen die Betroffenen wieder niedergeschlagen auf. Die Serotonin-stimulierende Wirkung des Schlafentzugs ist also offenbar doch nicht ausreichend, um der Depression entgegenzuwirken.

1 Kommentar

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  • Mark sagt:

    Hat man schon mal darüber nachgedacht was zuerst da war? Die Schlafstörung oder die Depression? Ich persönlich wurde erst nach eine längeren un-therapierten Schlafapnoe erst depressiv. Nach der Behandlung mit Atemmaske ging es mir schon viel besser, und siehe da: Die Depression ist auch weg. Grüße